Opfer der Spitzhacke

Muss das ehemalige Gemeindehaus der Esenser Juden Parkplätzen weichen?"


Von Detlef Kiesé,
im „Lüttje Blatt“, Oktober 198
5, Verlag Enno Söker


„Abreißen kann man ein Gebäude nur einmal…“ bemerkten Esenser Bürger, nachdem die Rede davon war, das Wohnhaus an der Burgstraße abzureißen, welches einst zugleich Schule und Gemeindehaus der Esenser Juden beherbergte. Laut Bebauungsplan soll dieses geschichtlich interessante Haus aus dem Jahre 1899 dem Parkplatzbau weichen.

Obgleich vielen Esensern die frühere Bedeutung des Anwesens nicht mehr bekannt ist, bildet es doch einen Bestandteil der Geschichte unserer Stadt. Mit dem Abriss des äußerlich noch recht ansehnlichen Hauses würde ein weiterer stummer Zeuge seiner Zeit verschwinden. Die Denkmalspfleger haben allerdings noch kein Urteil abgegeben. -

Ansätze, die an die Menschlichkeit appellierende Judengeschichte nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, zeigen sich immer wieder. Zum Volkstrauertag legt zum Beispiel eine Abordnung der Stadt auch auf dem Judenfriedhof am Mühlenweg einen Kranz nieder – Der Esenser Grafiker Gerd Rokahr, der sich intensiv mit der Thematik befasst, arbeitet derzeit an seinem Werk über Schilderungen aus dem damaligen jüdischen Gemeindeleben der Stadt.

Im Turmmuseum der St.-Magnus-Kirche wird im Winterhalbjahr die feste Ausstellung ebenfalls durch die Darstellung der jüdischen Gemeinde und ihre Synagoge ergänzt.

Bis ins 19. Jahrhundert besaßen die in Esens ansässigen Juden weder ein eigenes Schulhaus, noch eine Synagoge. Erst im Jahre 1819 erwarb man ein kleines Gebäude an der Ecke Schmiedestraße / Neustädter Straße (in Höhe Bäckerei Kleen), welches fortan als Schule genutzt wurde, bis die Judenschaft 1827 zwei alte Häuser an der Westseite der Burgstraße ankaufte.

Nach dem späteren Abbruch der beiden Häuser entstanden hier eine Synagoge und ein Schulhaus mit Wohnung für den Synagogendiener. Im Jahre 1899 wurde die baufällige alte Schule durch den Neubau ersetzt, der bis heute hin besteht und gegebenenfalls beseitigt werden soll.

In dem damaligen Gemeindehaus befand sich neben einem Schulraum auch die Wohnung für den jüdischen Lehrer, Vorbeter und Schächter sowie das Ritualbad für die Frauen. Hier fanden auch die Gemeindeversammlungen statt.

Nach dem Tode des letzten jüdischen Lehrers August Gottschalk, im Jahre 1927, wurde die jüdische Schule in Esens aufgehoben und die Räume des Gemeindehauses vermietet. Die Synagoge in Esens blieb in der Reichskristallnacht vom 9./10. November 1938 nicht verschont und wurde ein Opfer der Flammen. Das Gemeindehaus blieb dabei allerdings unversehrt.

Das Grundstück und die Überreste des Synagogenbaus wurden durch die jüdische Gemeinde verkauft. Große Teile des alten Mauerwerks blieben erhalten und wurden bei späteren Umbauten mit einbezogen. Als im Frühjahr 1940 die letzten Juden ihre Heimatstadt verlassen mussten, kam auch das ehemalige jüdische Gemeindehaus in Privathand. In äußerlich unverändertem Zustand wird es bis heute als Wohnhaus genutzt.

Woche der Begegnung

WOCHE DER BEGEGNUNG

.1990

Das August-Gottschalk-Haus -

ein Haus des Gedenkens, Erinnerns und Lernens

 

Für die Zeit vom 26. August bis 2. September 1990 plante der Ökumenische Arbeitskreis eine „Woche der Begegnung" mit Esenser und Wittmunder Juden, die der Verfolgung und Ermordung durch die Nationalsozialisten entkommen waren. Was man sich für diesen Besuch gewünscht, aber im Grunde nicht für möglich gehalten hatte, wurde doch Wirklichkeit: In Anwesenheit der jüdischen Gäste aus Israel, den USA und Deutschland und unter großer Anteilnahme der Bevölkerung sowie von Vertretern der Öffentlichkeit und der Kirchen wurde das Haus als „Gedenkstätte mit Ausstellung zur neueren Geschichte der ostfriesischen Juden" eingeweiht. Es erhielt den Namen „August-Gottschalk-Haus", benannt nach dem Kultusbeamten und Lehrer der jüdischen Gemeinde in Esens, der hier 27 Jahre zum Wohl seiner Gemeinde und im Sinne christlich-jüdischen Zusammenlebens gewirkt hatte.

Während des Festaktes unter freiem Himmel neben den Resten der Synagoge und dem neu entstandenen August-Gottschalk-Haus kamen in zahlreichen Ansprachen die unterschiedlichsten Gefühle und Empfindungen zum Ausdruck: Schmerz und Trauer über die zugrundegegangenen jüdischen Gemeinden in Ostfriesland, über die mehr als 1000 von den Nazis ermordeten ostfriesischen Juden - Hoffnung auf ein menschlicheres Miteinander in künftigen Zeiten - Dankbarkeit für die Erhaltung des Hauses als Ort des Gedenkens, Erinnerns und Lernens.

Bürgermeister Werner Schmidt übergab das Haus dem Ökumenischen Arbeitskreis zu treuen Händen. Dessen Vorsitzender Gerd Rokahr sagte, mit dem August-Gottschalk-Haus sei ein Stück Esenser Geschichte erhalten worden, an das zu erinnern ständige Aufgabe des Arbeitskreises sein werde, Pastorin Renate Schwarz-Schieferdecker sprach in ihrem Gebet vom Verzeihen, Vergessen, Hoffen und Vergeben. Für die jüdischen Gäste äußerten sich Henry L. Cohen aus den USA und Shulamit Jaari aus Israel. Und Wolfgang Ritter verlas eine

Grußbotschaft von Bernhard Wolff aus Porto Alegre in Brasilien, 1910 in Esens geboren. Er hatte von jüdischer Seite die Bemühungen Gerd Rokahrs und des Arbeitskreises mit größter Anteilnahme verfolgt; einige Ausstellungsstücke sind ihm zu verdanken, u. a. ein Gebetbuch aus der Esenser Synagoge.

Dr. Herbert Reyer von der Ostfriesischen Landschaft, Leiter der dortigen Forschungsgruppe zur „Frisia Judaica", hatte mit deren Mitglie­dern die historische Dokumentation erarbeitet, die nun als Dauerausstellung ihren Platz im Esenser August-Gottschalk-Haus gefunden hat. Er sprach von einem „Lernort für ganz Ostfriesland" und forderte die Lehrer in der Region auf, die beispielhafte Ausstellung für ihren Unterricht zu nutzen. In seiner Einweihungsrede hatte Landesrabbiner Dr. Henry G. Brandt bereits auf diesen Aspekt hingewiesen, als er sagte: „Dieses Haus sei den Jungen heute und den kommenden Generationen geweiht. Hier soll ihnen nahegebracht werden, wie sie ihr Verhalten und ihre Beziehung zu ihren Mitmenschen gestalten, besonders zu denen, die aus irgendeinem Gesichtswinkel andersartig sind. ...Es gilt, die Brücken zwischen den Menschen stark zu gestalten, auf dass das, was  einmal als Tiefpunkt der menschlichen Geschichte geschah, sich in keiner Konstellation wiederhole."

Nachdem Landesrabbiner Brandt und Bürgermeister Schmidt die Widmungstafel enthüllt hatten, besichtigten mit Ihnen die jüdischen Gäste als erste Besucher das Haus mit seinem Schulzimmer und der Mikwe (Ritualbad), mit der Lehrerwohnung und den Markierungen der Mesusot (Schriftkapseln) an den Türrahmen. In diesem Haus ihrer Kindheit und Jugendzeit, auf Fotos, in Dokumenten und Zeitungstexten der Ausstellung begegneten die jüdischen Besucher bewegt und erschüt­tert ihrer eigenen Lebensgeschichte.

 

Opfer der Spitzhacke

Opfer der Spitzhacke

Muss das ehemalige Gemeindehaus der Esenser Juden Parkplätzen weichen?"

 

Von Detlef Kiesé,
im „Lüttje Blatt“, Oktober 1985, Verlag Enno Söker

 

„Abreißen kann man ein Gebäude nur einmal…“ bemerkten Esenser Bürger, nachdem die Rede davon war, das Wohnhaus an der Burgstraße abzureißen, welches einst zugleich Schule und Gemeindehaus der Esenser Juden beherbergte. Laut Bebauungsplan soll dieses geschichtlich interessante Haus aus dem Jahre 1899 dem Parkplatzbau weichen.

Obgleich vielen Esensern die frühere Bedeutung des Anwesens nicht mehr bekannt ist, bildet es doch einen Bestandteil der Geschichte unserer Stadt. Mit dem Abriss des äußerlich noch recht ansehnlichen Hauses würde ein weiterer stummer Zeuge seiner Zeit verschwinden. Die Denkmalspfleger haben allerdings noch kein Urteil abgegeben. -

Ansätze, die an die Menschlichkeit appellierende Judengeschichte nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, zeigen sich immer wieder. Zum Volkstrauertag legt zum Beispiel eine Abordnung der Stadt auch auf dem Judenfriedhof am Mühlenweg einen Kranz nieder – Der Esenser Grafiker Gerd Rokahr, der sich intensiv mit der Thematik befasst, arbeitet derzeit an seinem Werk über Schilderungen aus dem damaligen jüdischen Gemeindeleben der Stadt.

Im Turmmuseum der St.-Magnus-Kirche wird im Winterhalbjahr die feste Ausstellung ebenfalls durch die Darstellung der jüdischen Gemeinde und ihre Synagoge ergänzt.

Bis ins 19. Jahrhundert besaßen die in Esens ansässigen Juden weder ein eigenes Schulhaus, noch eine Synagoge. Erst im Jahre 1819 erwarb man ein kleines Gebäude an der Ecke Schmiedestraße / Neustädter Straße (in Höhe Bäckerei Kleen), welches fortan als Schule genutzt wurde, bis die Judenschaft 1827 zwei alte Häuser an der Westseite der Burgstraße ankaufte.

Nach dem späteren Abbruch der beiden Häuser entstanden hier eine Synagoge und ein Schulhaus mit Wohnung für den Synagogendiener. Im Jahre 1899 wurde die baufällige alte Schule durch den Neubau ersetzt, der bis heute hin besteht und gegebenenfalls beseitigt werden soll.

In dem damaligen Gemeindehaus befand sich neben einem Schulraum auch die Wohnung für den jüdischen Lehrer, Vorbeter und Schächter sowie das Ritualbad für die Frauen. Hier fanden auch die Gemeindeversammlungen statt.

Nach dem Tode des letzten jüdischen Lehrers August Gottschalk, im Jahre 1927, wurde die jüdische Schule in Esens aufgehoben und die Räume des Gemeindehauses vermietet. Die Synagoge in Esens blieb in der Reichskristallnacht vom 9./10. November 1938 nicht verschont und wurde ein Opfer der Flammen. Das Gemeindehaus blieb dabei allerdings unversehrt.

Das Grundstück und die Überreste des Synagogenbaus wurden durch die jüdische Gemeinde verkauft. Große Teile des alten Mauerwerks blieben erhalten und wurden bei späteren Umbauten mit einbezogen. Als im Frühjahr 1940 die letzten Juden ihre Heimatstadt verlassen mussten, kam auch das ehemalige jüdische Gemeindehaus in Privathand. In äußerlich unverändertem Zustand wird es bis heute als Wohnhaus genutzt.

Stadtrat unfähig

Jüdisches Gemeindehaus in Esens erhalten