Holocaust-Gedenktag

HOLOCAUST-GEDENKTAG

 

Esenser Lehrer 46-jährig in Auschwitz ermordet

Über Julius Gottschalk erinnert auch Berliner Datenbank /

 

Erschienen am 25. Januar 2007 im „Anzeiger für Harlingerland“

 

Esens/Berlin - DK –Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in der Mitte Berlins beeindruckte auch Wolfgang Ritter, den Vorsitzenden des Ökumenischen Arbeitskreises Juden und Christen in Esens. „Dazu gehört auch der unterirdische Ort der Information, der über den emotionalen Appell des weiträumigen Stelenfeldes hinaus Kenntnisse über den NS-Terror und seine Opfer vermitteln will“, berichtet Ritter. Im Mittelpunkt der Ausstellung stünden Lebensgeschichten und Schicksale einzelner Individuen und ihrer Familien aus ganz Europa.

Eine Spur in der Informationshalle, die auch einen Hinweis auf das Esenser August-Gottschalk-Haus als einzige Gedenkstätte im Weser-Ems-Bereich gibt, führt auch in die Bärenstadt. Hier befindet sich nämlich die umfangreichste Sammlung von Namen und Biographien ermordeter Juden, die von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem angelegt wurde. Die Sammlung ist hier über eine Datenbank verfügbar. Auch der Name von Julius Gottschalk, der in Esens geboren wurde, ist hier verzeichnet.

Er ist einer der Söhne von August Gottschalk, dem Namensgeber der Esenser Gedenkstätte zur Erinnerung an die ostfriesischen Juden („August-Gottschalk-Haus“) an der Burgstraße. In Yad Vashem verzeichnet und damit auch in Berlin aufrufbar sind zudem die Namen seiner Frau Minna und der Kinder Hermann, Ernst-August und Karola. „Die Kinder waren zwischen 14 und 17 Jahre alt, als sie und ihre Eltern in Auschwitz ermordet wurden – das war 1944“, berichtet Wolfgang Ritter aus Anlass des heutigen weltweiten Gedenktags für die Opfer des Nationalsozialismus über seinen Besuch.

In dem Erinnerungsbuch „Die wir verloren haben - Lebensgeschichten Emder Juden" von Marianne und Reinhard Claudi fand Ritter die Stelle, an der die Schwester von Julius Gottschalk über ihren Bruder erzählt: „Er ist in Esens geboren, so wie ich. Mein Vater war dort Lehrer. Julius ist dann in Norden aufs Gymnasium gegangen. Dort hat er ein Notabitur gemacht und ging dann gleich in den Krieg. Am letzten Kriegstag wurde er in Frankreich verwundet. Er hat dann noch drei Jahre im Lazarett gelegen mit einem Beinschuß, erst in Göttingen, dann in Aurich. In Göttingen hat er studiert, vom Bett aus. Wie er das gemacht hat, weiß ich nicht.“ Julius war danach Lehrer in Weener, Bunde und zuletzt Emden.

Seine Schwester berichtet dann weiter: „Von Tann in der Rhön sind wir (sie und ihre Familie) ausgewandert. Wir haben damals gewollt, daß mein Bruder mitgehen sollte. Beim Wegfahren haben wir bei der Schwiegermutter unten in der Tür gestanden - ich kann das nie vergessen -da hat er zu mir gesagt: ,Hilde, ich kann nicht verstehen, wie kann man wegfahren in ein wildes, fremdes Land, das man nicht kennt. (...) Mir kann nichts passieren. Ich bin kriegsverwundet und habe das Eiserne Kreuz Erster Klasse.“

Julius Gottschalk wurde 1898 in Esens geboren, 1944 wurde er 46-jährig in Auschwitz ermordet. „An ihn und seine Familie zu erinnern, der mehr als 1000 anderen Opfer aus Ostfriesland und den Millionen Dahingemordeten aus ganz Europa zu gedenken, ist heute der Tag, ist morgen der Tag, ist immer der Tag“, lautet Wolfgang Ritters Standpunkt. Zukunft brauche Erinnerung, Tag für Tag. Kurzinformationen über Julius Gottschalk sind übrigens auch in der Ausstellung im August-Gottschalk-Haus zu finden, das bis zu den Osterferien lediglich nach Absprache besichtigt werden kann.