Ludwig Levy

Erschienen am 27. Januar 2008 im „Anzeiger für Harlingerland“

Erinnerungen an den September 1939

Von Detlef Kiesé


Esens - "Ich bin ein deutscher Jude. Das heißt, ich bin gewohnt zu gehorchen und pünktlich zu sein. Ich war der Erste, der sich im Sammellager einfand. Die Wachen wussten gar nicht, was sie mit mir anfangen sollten. Mit erhobenen Händen musste ich an einem Baum stehen, bewacht von vier Schwerbewaffneten. Später kamen tausende Männer." Erinnerungen an den
September 1939.
Ludwig Levy, der am 30. Mai 1909 in Esens geboren wurde, entkam dem Holocaust der nationalsozialistichen Gewaltherrschaft. Seine detaillierten Erinnerungen aus der NS-Zeit und andere Gedanken aus seiner Kinder- und Jugendzeit in der Bärenstadt vor dem Zweiten Weltkrieg schrieb er für die Nachwelt auf. Die Journalistin Rachel Stern schrieb Ludwig Levys Biographie 1998 in New York auf, veröffentlichte in der Zeitung "Aufbau" einen umfangreichen Bericht. Ins Deutsche übersetzte das umfangreiche Werk vor zwei Jahren ein Projektkurs des Niedersächsischen Internatgymnasiums Esens (NIGE) unter der Leitung von Axel Heinze. Johann Böhmer überarbeitete die Biographie, Lokalhistoriker Gerd Rokahr versah die Lebensgeschichte mit ergänzenden Anmerkungen.
In seiner Biographie erzählt Ludwig Levy von seiner glücklichen Kindheit in der 3000-Seelen-Ortschaft Esens. Spitzen-Turner Peter Dunker hatte zu seinen Freunden gehört. Levy war der mittlere von drei Söhnen des Viehhändlers und Schlachters Bernhard Levy und seiner Frau Johanna, geborene de Vries. Die Levys waren blond und blauäugig, kräftig und groß gewachsen, dienten im Ersten Weltkrieg. Auch diese jüdische Familie schien völlig akzeptiert und in die christliche Gesellschaft integriert.
Antisemitische Vorfälle habe es schon immer gegeben, Hitlers Machtübernahme 1933 habe das Leben der Juden dann aber innerhalb von 24 Stunden verändert. Levys wurden zunächst "wie Luft behandelt", später zeigte man mit dem Finger auf sie, sie wurden bespruckt und beschimpft. Immer mehr Bauern wollten keine Geschäfte mehr mit dem jüdischen Schlachter machen. Die Familie lebte vom Gespartem. Nachbar Tierarzt Meents sei eine große Ausnahme gewesen, schildert Ludwig Levy.
In einem jüdischen Tanzlokal in Aurich lernte der Esenser Hannah Windmüller aus Emden kennen. Das Bedürfnis, ein gemeinsames Leben aufzubauen, und die Unmöglichkeit, dies in Deutschland zu tun, bewog ihn, das Land zu verlassen. Am 30. Dezember 1936, einen Tag, nachdem er Hannah geheiratet hatte, bestiegen Ludwig und Hannah Levy mit einigen Brüdern das Schiff nach Ecuador. Doch wegen des unterentwickelten wirtschaftlichen Zustandes des
Landes kehrte das Paar nach Europa zurück, wo es in vornehmen jüdischen Restaurants Schnürsenkel verkaufte.
In Paris lebten sie unbehelligt, bis am 3. September 1939 der Krieg zwischen Deutschland und Frankreich ausbrach. Levys mussten sich mit Decken und Nahrungsmitteln in einem Sammellager einfinden, dann begann eine Selektion und Verlegung in verschiedene Internierungslager. Schließlich waren Transporte der Nazis in Vernichtungslager im Osten an der Tagesordnung. Auch Ludwig Levy wurde mit 100 anderen Menschen in einen dunklen Viehbahnwaggon gefercht. Als sich der Zug in Bewegung setzte, schrieben die Menschen, die aufeinander lagen und mit den Fingernägeln die Wände und den Boden aufkratzen wollten.
Er wurde nach Gurs gebracht, einem Massen-Internierungslager, das in einer Talsenke hoch in den Pyrenäen gelegen war. Zahlreiche Barracken, Stacheldraht und hochbewaffnete Wachen nahmen die Neuankömmlinge in Empfang.
Hier verbrachte Ludwig Levy nach seinen Aussagen seine schwersten Monate. Ohne Arbeit und ohne Schutz gegen unerträglich heiße Sommer und bitter kalte Winter vegetierten die Gefangenen vor sich hin - am Leben gehalten von Minimum an Nahrung und geplagt durch Ungeziefer und völlig unzureichende sanitäre Anlagen. Die langen, schlaflosen Nächte verbrachte Ludwig Levy betend.
Nach sechs Monaten gelang es ihm, mit seinem letzten Bargeld eine Rot-Kreuz-Binde eines Krankenhausmitarbeiters auf dem Lagergelände zu erwerben - so konnte er zu einem Bauern fliehen. Nach zwei Wochen konnte das Ehepaar mit Hilfe eines Gemüsehändlers, der in der "Resistance" tätig ist, nach Grenoble und dann in die Schweiz fliehen. In Bern wurde er erneut inhaftiert und eingesetzt, in verschiedenen Lagern Holzbaracken zu bauen.
Levy wurde befreit und konnte 1948 zusammen mit seiner Frau und fünf Dollar nach New York umziehen, um dort Tischdecken und Strumpfwaren zu verkaufen. Daraus entwickelten sich drei Damenbekleidungsgeschäfte, die das Ehepaar bis 1988 führte. Einmal zurück nach Esens? "Ich habe nie mit dem Gedanken gespielt, nach Deutschland zurückzukehren - die Erde ist mit dem Blut der sechs Millionen bedeckt", sagte Ludwig Levy, der 2003 starb - im Alter von 94 Jahren.