Deportation im Viehwagen

LESUNG

Deportation im Viehwaggon lebhaft beschrieben

 

Eindrucksvolle Lesung aus dem Leben des Esenser Juden Ludwig Levy

 

 

Erschienen am 29. Januar 2009 im „Anzeiger für Harlingerland“

 

 

ESENS/DK - „Als die Transporte begannen, wurden etliche Menschen verrückt“, schrieb der 1909 in Esens geborene Jude Ludwig Levy in seiner Biographie. Eindrucksvolle Episoden seiner Flucht von Deutschland bis in die USA gab in einer Veranstaltung des Ökumenischen Arbeitskreises Juden und Christen in Esens im Gemeindesaal St. Magnus Vereinsmitglied Axel Heinze, zugleich wissenschaftlicher Mitarbeiter des Museums „Leben am Meer“, wider. Anlass der der Holocaust-Gedenktag am Dienstag.

Die amerikanische Journalistin Rachel Stern hatte Ludwig Levy 1998 in New York ausführlich interviewt – fünf Jahre, bevor der Esenser im Alter von 94 Jahren starb. Weil Stern in Göttingen Kunstgeschichte studiert hatte kam ein Exemplar der Biografie nach Esens, wo sich das Museum „Leben am Meer“ um die Konservierung kümmerte. Ein Projektkurs des Niedersächsischen Internatsgymnasium Esens unter Leitung von Axel Heinze übersetzte die Texte vom Englischen ins Deutsche, sein Lehrerkollege Johann Böhmer überarbeitete die Formulierungen. Gerd Rokahr, Kenner der jüdischen Geschichte Ostfrieslands, ergänzte mit wertvollen Informationen.

In seiner Biographie erzählt Ludwig Levy von seiner glücklichen Kindheit in der 3000-Seelen-Ortschaft Esens, in der die Familie völlig integriert war. Spitzen-Turner Peter Dunker hatte zu seinen Freunden gehört. Als es für Juden auch in Esens immer unerträglicher wurde, wollten Ludwig Levy und seine Frau Hannah auf der Flucht vor den Nazis 1936 über den Hamburger Hafen eigentlich nach Ecuador. Doch wegen des unterentwickelten wirtschaftlichen Zustandes des Landes kehrte das Paar nach Europa zurück, wo es in vornehmen jüdischen Restaurants Zahnpasta und Schnürsenkel verkaufte. In Paris lebten sie unbehelligt, bis am 3. September 1939 der Krieg zwischen Deutschland und Frankreich ausbrach.

Levys mussten sich mit Decken und Nahrungsmitteln in einem Sammellager einfinden, dann begann eine Selektion und Verlegung in verschiedene Internierungslager. Schließlich waren Transporte der Nazis in Vernichtungslager im Osten an der Tagesordnung. „Es gab einen Zug mit Viehwagen, in denen jeweils 100 Menschen kamen, die übereinander lagen. Der Zug fuhr zwei Tage ohne anzuhalten“, beschrieb Levy eine Deportationsfahrt quer durch Frankreich. Als sich die dunklen Viehbahnwaggon in Bewegung setzte, hätten die Menschen geschrien und mit den Fingernägeln Wände und Boden aufkratzen wollen.

Er wurde nach Gurs gebracht, einem Massen-Internierungslager mit 300 Baracken für jeweils 60 Menschen in den Pyrenäen. Hier verbrachte Ludwig Levy nach seinen Aussagen seine schwersten Monate. Ohne Arbeit und ohne Schutz gegen unerträglich heiße Sommer und bitter kalte Winter vegetierten die Gefangenen vor sich hin – am Leben gehalten von Minimum an Nahrung („... fett- und geschmacksfreies Wasser als Suppe...“), geplagt durch Ungeziefer und völlig unzureichenden sanitären Anlagen. „Wir hatten nie genug zu essen.“ Die langen, schlaflosen Nächte verbrachte Ludwig Levy betend.
Nach sechs Monaten gelang es ihm, zu einem Bauern zu fliehen, nachdem er sich mit einer durch Tabak selbst beigefügten Erkrankung einer Afrika-Deportation entzogen konnte. Später konnte das Ehepaar mit Hilfe eines in der „Resistance“ organisierten Gemüsehändlers nach Grenoble und dann in die Schweiz fliehen. In Bern wurde er erneut inhaftiert und zum Bau von Holzbaracken eingesetzt. Levy wurde befreit und konnte 1948 zusammen mit seiner Frau Hannah und fünf Dollar nach New York ziehen, um dort Tischdecken und Strumpfwaren zu verkaufen. Daraus entwickelten sich drei Damenbekleidungsgeschäfte, die das Ehepaar bis 1988 führte.

„Ich habe nie mit dem Gedanken gespielt, nach Deutschland zurückzukehren – die Erde ist mit dem Blut der sechs Millionen bedeckt“, zitierte Axel Heinze abschließend Ludwig Levy, bevor Frauke Deppe, Museumsleiterin im August-Gottschalk-Haus, weitere Informationen zum Holocaustgedenktag gab.