Pastor Johann G. Behrens

Pastor Johann Gerhard Behrens

 

Pastor Behrens, veröffentlicht am 13. November 2005

 

 

Behrens bezieht Stellung- gegen die Nazis
Ausstellung in der St.-Magnus-Kirche Esens geht auf das Leben und Wirken des
in Esens geborenen Geistlichen ein

Eine Dokumentation und ein Gottesdienst erinnern an den mutigen Esenser Geistlichen, der 1938 in Stade von 3000 Menschen gedemütigt wurde.

 

 


Von Detlef Kiesé
Esens - Am 9. November ist es seit mehreren Jahren überall in Deutschland üblich, der Verbrechen der Nationalsozialisten gegen die jüdischen Mitbürger - konkret der Schändung und Zerstörung der Synagogen, der jüdischen Gotteshäuser 1938 - zu gedenken. In Esens jedoch stand beim diesjährigen Gedenkabend ein Mann im Mittelpunkt, der in der Bärenstadt geboren wurde und sich durch Widerstand gegen die Nazis hervortat: Pastor Johann Gerhard Behrens.
Aus Anlass der Pogromnacht hat der ökumenische Arbeitskreis Juden und Christen in Esens eine Ausstellung initiiert, die der Enkel Behrens', Wilhelm Wykhoff, zusammenstellte. Diese Schau ist nun noch bis Mitte Dezember vor der Sakristei in der Südostecke des Kirchenschiffs zu sehen.
"Es ist an der Zeit, spät, aber ich hoffe nicht zu spät, dass wir uns auch in seiner Geburtsstadt an einen Menschen erinnern, der ein leuchtendes Beispiel für den Widerstand gegen die menschenverachtende Ideologie und Herrschaft der Nazis darstellt. Erinnerung kann zum Antrieb werden für das eigene Verhalten angesichts menschenverachtender Ideen und Handlungen in Gegenwart und Zukunft." Das erklärte Pastor Bernd Reinecke zur Ausstellungseröffnung.
Nach seinen einleitenden Worten schilderte der Emder Siegfried Rückert, der Johann Gerhard Behrens vor vier Jahrzehnten in Esens kennengelernt hatte, den Besuchern in der St.-Magnus-Kirche das Leben und Wirken des Geistlichen. Johann Gerhard Behrens, so der Referent, habe sich bereits nach der so genannten "Machtergreifung" als Pastor in Stade - 1935, also drei Jahre vor dem Judenpogrom - mutig gegen die nationalsozialistischen  Hetze auf die
Juden gestellt.
Johann Gerhard Behrens wurde am 5. September 1889 in Esens als Sohn des Kaufmanns Martin Behrens geboren.  Er legte 1909 in Norden seine Abiturprüfung ab und nahm das Studium der Theologie, Astronomie und Kunstgeschichte in Tübingen auf und wechselte später nach Berlin und Göttingen. Nach der Ordination wurde er nach Stade an die St.-Wilhadi-Kirche versetzt. Hier gehörte Behrens Engagement auch einem Außenbezirk, in dem ausnahmslos Arbeiter und Erwerbslose mit ihren Familien lebten, denen es in der damaligen Zeit wirtschaftlich sehr schlecht ging. "Um die größte materielle Not zu lindern, organisierte er Lebensmittel- und Kleiderhilfen. Das für die Kirche zu der Zeit nicht eben übliche Eintreten für die sozial Benachteiligten verschaffte Pastor Behrens die Wertschätzung unter der Arbeiterschaft", erklärte Siegfried Rückert.
Pastor Behrens wurde früh Mitglied der "Bekennenden Kirche", warb aktiv und mit Erfolg dafür. So konnte es nicht ausbleiben, dass dieser Pastor den Nationalsozialisten und den hitlertreuen "Deutschen Christen" ein Dorn im Auge war. Der offene Konflikt mit den Nationalsozialisten gipfelte in der Begebenheit, dass Pastor Behrens am Abend des 16. September 1935 auf offener Straße von vier oder fünf Männern überfallen, mit einem Plakat "Ich bin ein Judenknecht" auf Brust und Rücken versehen durch die Straßen der Stader Innenstadt getrieben wurde. Zu dem immer aggressiver werdenden "Umzug" gesellten sich noch ein SA-Sturm, eine Musikkapelle, Hitlerjungen und sonstige Schaulustige - der Zug soll letztendlich 3000 Personen gezählt haben. Rückert: "Behrens wurde bespuckt, mit allerlei Unrat beworfen, mit Wasser übergossen, geschlagen und getreten, ohne dass ihm irgendwelche Hilfe zuteil wurde."
Auslöser für die Ausschreitungen, so der Referent aus Emden, sei das unbeirrbare Festhalten am christlichen Glauben gewesen, wie er ihn als Pastor entgegen allen völkisch-rassistischer Umdeutungsversuche der damaligen Zeit auch im Konfirmandenunterricht bekannte. Pastor Behrens, der sich nach eigenem Bekunden eher unpolitisch einschätzte, und sich in der Freizeit mit astronomischen Fragestellungen beschäftigte, suchte nicht die Konfrontation mit den Nationalsozialisten, doch er bezog - wenn erforderlich - deutlich Stellung. In der vorangegangenen Konfirmandenstunde am 13.
September 1935 ergab sich eine bisweilen tumultartige Diskussion um die Judenfrage", wobei sich der Pastor zu der Äußerung hinreisen ließ: Ein christlicher Neger sei ihm lieber als ein ungläubiger Deutscher. Erst Regierungspräsident Leister konnte Pastor Behrens aus der misslichen Lage befreien und die Meute zerstreuen. Im gleichen Jahr musste die siebenköpfige Familie Stade verlassen.
Von 1936 erhält bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1957 wirkte Johann Gerhard Behrens in Detern. Den Ruhestand verbrachte Behrens bis 1967 in Esens und von 1977 bis zu seinem Tod am 23. März 1979 in Warsingsfehn. Seine Arbeiten und Verdienste um die Astronomie wurden mehrfach gewürdigt: In einschlägiger internationaler Fachliteratur ist die Methode zur Bahnberechnung von Himmelskörpern nach Behrens aufgeführt. Sein Rechenverfahren war nicht nur einfacher, es erlaubte auch die Bahnen der Himmelskörper exakter zu berechnen. Erst unlängst wurde ein Planetoid nach ihm benannt.   
Eine Bronzetafel am Geburtshaus (Geschäftshaus Gläske am Marktplatz) weist seit über zwei Jahrzehnten übrigens darauf hin, dass hier "der weltbekannte Astronom und Pastor Johann Gerhard Behrens" einst das Licht der Welt erblickte.
Erinnerungen und Gedanken an den Geistlichen sind darüber hinaus Thema im besonderen Gottesdienst am Buß- und Bettag am kommenden Mittwoch um 19 Uhr in der St.-Magnus-Kirche. Sein Sohn Oskar Behrens aus Buchholz erinnert an Leben und Wirken seines Vaters, die Predigt hält Pastor Bernd Reinecke.


Foto:
Aus Anlass der 67. Wiederkehr der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde in der St.-Magnus-Kirche eine Ausstellung über den in Esens gebürtigen Pastoren und Astronomen Johann Gerhard Behrens eröffnet – unter anderem mit einem Foto vom Bild, das der Geistliche bei seiner Demütigung tragen musste. Im Bild (v. l.) neben Pastor Bernd Reinecke und Wolfgang Ritter (Arbeitskreis) Christine und Reinhard Behrens (Sohn von Pastor Behrens), Wilhelm Wykhoff und Referent Siegfried Rückert aus Emden.

 

DAZU:

Pastor Johann Gerhard Behrens

 

Pastor als Judenknecht verunglimpft
Heute genau vor 70 Jahren trieben Nazis Esenser Johann Gerhard Behrens durch
die Stader Straßen

Esenser Pastor ging als "Fall Behrens" in die
Kirchengeschichte ein. Aus seiner Abneigung hatte der Astronom nie einen Hehl gemacht. Esens/Stade/dk/AH - Aus seiner Abneigung gegen das nationalsozialistische Regime hatte Johann Gerhard Behrens keinen Hehl gemacht. "Ein christlicher Neger ist mir lieber als ein ungläubiger Deutscher" oder "Kinder, ihr seid verhetzt" soll er dem Nachwuchs im Konfirmandenunterricht in Stade mit auf den Weg gegeben haben. Seine deutlichen Worte sollten dem in Esens geborenen Pastor zum Verhängnis werden: Am 16. September 1935, also heute vor genau 70 Jahren, ist er von den Nazis durch die Straßen von Stade getrieben worden.
In den frühen Abendstunden des Tages war er mit seinem Sohn Martin von der Superintendentur in der Teichstraße unterwegs nach Hause, als er vor dem Regierungsgebäude von SS-Männern überwältigt und mit Schmähschildern wie "Ich bin ein Judenknecht" behängt wurde. Begleitet wurde der anschließende Zug auf dem Weg durch die Stadt von einer SA-Musikkapelle, zahlreichen Hitlerjungen und Schaulustigen. Unterwegs wurde der Pastor als "Volksverräter" und "Judenlümmel" beschimpft, bespuckt, mit Sand und brennenden Zigarren- und Zigarettenstummeln beworfen, getreten und mit Wasser übergossen.
Zeitzeugenberichte, Polizeiprotokolle und Behrens eigene Aufzeichnungen belegen den Vorfall, seine Vorgeschichte und das Nachspiel genau. Die Mehrheit der Stader Bevölkerung soll sich hinterher zwar ablehnend bis empört gezeigt haben, zu Hilfe kam Behrens aber niemand. Erst dem Regierungspräsidenten Leister gelang es, den misshandelten Geistlichen zu befreien und die auf etwa 300 Personen angewachsene Menschenmenge zu zerstreuen - und das hatte auch für Leister Folgen.
Nach dem Vorfall vom 16. September 1935 wurden die Haupttäter nur halbherzig zur Rechenschaft gezogen. Behrens wurde von der Landeskirche über ein halbes Jahr beurlaubt und dann nach Detern in Ostfriesland versetzt. Hier blieb er Pastor bis 1957. In Stade erhielt 1981 das neugebaute Gemeindehaus in der Ritterstraße den Namen "Pastor-Behrens-Haus", nachdem es zuvor einen eher versteckten Widerstand gegeben hatte. Am Geburtshaus in Esens, heute Installateurbetrieb Gläske, wurde in diesen Jahren eine Gedenktafel für den Pastoren und Astronomen Behrens montiert.
Nach dem Besuch der Bürgerschule in Esens hatte Johann Gerhard Behrens 1909 in Norden sein Abitur abgelegt, danach studierte er in Tübingen, Berlin und Göttingen Theologie, Astronomie und Kunstgeschichte. Nach seinem Dienst im Ersten Weltkrieg absolvierte er sein Vikariat in Warsingsfehn. Schon früh entwickelte sich sein Interesse an der Astronomie, 1933 wurde er als einziger Pastor in die "Astronomische Gesellschaft" aufgenommen. Für die NASA berechnete er vor allem Umlaufbahnen von Kometen - Nach seinem Tod wurde der Planetoid Nr. 1651 mit seinem Namen benannt. Auch in seinem Ruhestand in Esens, wo er noch manche geistlichen Dienste übernahm, führte er seine astronomischen Studien weiter. Er starb 1979 89-jährig in Warsingsfehn.
Aus dem Anlass des 70. Jahrestages wird dieses Thema auch im Mittelpunkt eines besonderen Gottesdienstes in der St.-Magnus-Kirche stehen - am Buß- und Bettag am 16. November 2005

 

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