Jüdische Gemeinden in Ostfriesland

  • Nahezu 400 Jahre lang haben Juden in Ostfriesland gelebt. Nachdem sich bereits vor 1550 die ersten von ihnen in Emden niedergelassen hatten, bildeten sich Synagogengemeinden in allen ostfriesischen Städten und einigen Flecken.
  • Jüdische Gemeinden bestanden in Aurich, Bunde, Dornum, Emden, Esens, Jemgum, Leer, Neustadtgödens, Norden, Weener und Wittmund. Die von jüdischen Badegästen gebildete Gemeinde auf Norderney war eine Filiale der Norder Judengemeinde. Die Juden in Wilhelmshaven hatten zunächst der Gemeinde Neustadtgödens angehört, ehe sie eine selbstständige Gemeinde bildeten, die eine Zeitlang auch zum Landrabbinat Ostfriesland zählte.

 

  • Zu jeder jüdischen Gemeinde gehörte das gottesdienstliche Versammlungshaus, die oft prächtig ausgestattete Synagoge. Die jüdischen Kinder besuchten jüdische Gemeindeschulen und verstorbene Juden wurden auf gemeindeeigenen Friedhöfen beigesetzt. Als vierte feste Einrichtung war in jeder jüdischen Gemeinde die Mikwe vorhanden, das Ritualbad für religiöse Kultbäder. Geistliches Oberhaupt der Juden in Ostfriesland war der Landrabbiner in Emden. In den einzelnen Gemeinden verwalten gewählte Vorsteher alle Angelegenheiten des Synagogen-, Schul- und Armenwesens. Das religiöse Leben wurde in den kleinen Gemeinden vom jüdischen Lehrer geprägt, der beim Gottesdienst in der Synagoge auch als Vorbeter tätig war und als Schächter für koscheres (nach rituellen Vorschriften bereitetes) Fleisch sorgte.

 

  • Der Anteil der Juden an der ostfriesischen Bevölkerung betrug etwa 1%. Jüdische Schlachter und Händler konnten jahrhundertelang neben christlichen Handwerkern und Kaufleuten bestehen; Viehmärkte waren ohne jüdische Viehhändler nicht denkbar. Die Mehrzahl der ostfriesischen Juden lebte in einfachen und durchschnittlichen Verhältnissen.

 

  • Trennende Gegensätze zwischen Juden und Christen waren seit dem Ende des 19.Jahrhunderts weitgehend abgebaut. Nun wurden Juden in den Stadtrat gewählt, sie wurden Vereinsmitglieder und errangen Preise und Auszeichnungen. Antisemitische Strömungen oder gar Ausschreitungen gegen Juden hatte es in Ostfriesland bis dahin nur selten gegeben. Erst in jüngerer Zeit, beginnend mit Pastor Münchmeyers primitiven antijüdischen Agitationen in den zwanziger Jahren, wurde das anders. Auch unter den Juden in Ostfriesland bildeten sich nun zionistische Gruppen, die ihre Zukunft in Palästina sahen.

 

  • Die große Mehrheit der Juden, die im Lande blieb, war den 1933 beginnenden Verfolgungen durch die Nazionalsozialisten schutzlos ausgeliefert. Auch in Ostfriesland wurden jüdische Geschäfte Boykottiert, Juden aus den Vereinen ausgeschlossen und aus dem Geschäftsleben verdrängt. In der sogenannten "Kristallnacht" (9./10. November 1938) brannten die Nationalsozialisten Synagogen nieder und verhafteten ihre jüdischen Nachbarn; Frauen und Kinder wurden bald wieder entlassen, die Männer in das KZ Sachsenhausen verschleppt. Die jüdischen Gemeinden verloren ihre Eigenschaft als Körperschaft öffentlichen Rechts und wurden als "Jüdische Kultusvereinigung e.V." in die Vereinsregister eingetragen. Im März 1940 mussten auch die letzten ostfriesischen Juden ihre Heimat verlassen und sich andere Wohnungen innerhalb Deutschlands suchen. Ostfriesland wurde für "judenfrei" erklärt. Nur im jüdischen Altersheim in Emden konnten noch einige Juden ihr Leben fristen, bis zu ihrer Deportation im Jahre 1942. Viele ostfriesische Juden waren inzwischen emigriert. In den folgenden Jahren wurden etwa 1000 Juden aus Ostfriesland in den NS-Vernichtungslagern ermordet. Ihre Geschichte ist noch nicht geschrieben worden.